Die Zwischenluft des Existierens

Streng physikalisch betrachtet bestehen wir Menschen ja eigentlich nur aus Zwischenräumen? So ist es. Wir sind leer. Wir bestehen aus Nichts, sind quasi Luft. Unsere Festheit ist eine Illusion! (aus einem Interview mit Hans-Peter Metzler, erschienen in: Portrait 01/2014)

Doch es existiert ein Spannungsfeld zum Existieren für und zwischen uns:  la cultura, wie ich meine. Kultur schafft die Atmosphäre dieses Zwischenterritoriums, dieses Leerstellenlands. Bevor wir uns der Frage stellen, was unsere Kultur ausmacht, wäre der größeren Fragestellung zu begegnen, was Kultur überhaupt ist. Auf alle Fälle etwas sehr offenes, ständig im Wandel begriffenes, von uns gelebtes und (mit)bestimmtes, das gar nicht so leicht genau zu verorten ist. Ich denke an unsere Kaffeehaus-Tradition und selbst die heimische Blasmusik würde ohne den Klangeinfluss der Janitscharen, die uns Basstrommel, Triangel und Zimbel (Becken) mitbrachten, gar nicht so typisch nach und für uns klingen. Es sind immer viele Kulturen und Einflüsse gleichzeitig, die eine Kultur ausmachen. Das ist ihre Grundeigenschaft.

Neben unserer Hauptluft brauchen wir diese Zwischenluft zum Überleben. Einen aberwitzig angereicherten Sauerstoff mit ganz spezifischen, lokalen Grundgerüchen, in denen sich fortlaufend neue, andersartige einmengen. In den Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren chinesische Restaurants eine exotische Sensation im Alpenvorland. Heute findet man vielerorts ein ungeheures Spektrum an unterschiedlichen, vorgestern noch fremden Geschmacksmöglichkeiten aus unzähligen Ländern dieser Welt. Kultur ist aber auch das Feld, auf dem sich Rituale und Formen des Miteinanderumgehens manifestieren. Bei uns gilt es als höflich, jemanden ungestört ausreden zu lassen. Ich habe es selbst erfahren, dass diese Kultur der störungsfreien Rede etwa im Süden als völliges Desinteresse gewertet wird. Die Unterbrechung ist in der ewigen Stadt notwendig, um dem Gegenüber Interesse anzuzeigen.

Wir lassen uns unterbrechen von ihr, tragen sie, atmen sie, leben sie. Die Kultur.

 

Bild: Norbert Trawöger

 

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