Was ich noch sagen wollte: Mensch first!

Meine lieben Schülerinnen und Schüler der letzten drei Jahrzehnte!

Die Anrede ist nicht besitzergreifend gemeint, aber Ihr seid ein wesentlicher Teil meines Daseins. Längst habe ich nicht mehr all Eure Namen im Kopf griffbereit. Seit mehr als dreißig Jahren unterrichte ich, hatte im zarten Alter von 15 Jahren meine ersten beiden Privatschüler. Nach der Matura und dem Ableisten des Präsenzdienstes begann ich – selber erst das Studium aufnehmend – an der Musikschule Wels zu lehren. Dem sinnlosen folgte ein sinnvoller Präsenzdienst der pädagogischen Art. Präsent zu sein ist für mich eine Grundbedingung für das Lehren.

Meinen ersten Schülerinnen und Schülern bin ich zu ewigem Dank verpflichtet: Unterrichten lernt man beim Unterrichten. Es ist ein nie endender Prozess, denn Ihr alle seid einzigartige Wesen, die es wahrzunehmen, zu erkennen, entdecken gilt. Ich war Flötenlehrer und wegen Eurer individuellen Einzigartigkeit (ein beabsichtigter Pleonasmus!) doch immer mehr. Musik ist Ausdruck des Menschen, des Menschlichen. Darum hat für mich immer gegolten: Mensch first! Mich interessieren Menschen, vor allem auch jene, die ganz anders ticken als ich. Und – um an die Anfänge zurückzukehren – ich wusste nicht gleich mit jeder, jedem von Euch etwas anzufangen. Ich war neugierig, aber ungelenk und unerfahren. Aber im Tun, im Begegnen wird man durchlässiger, um wach zu sein, nicht nur falsche Töne zu bemerken, sondern den Grundklang jeder, jedes Einzelnen zu erhören. Und vielleicht auch gelegentlich den Bewusstseinswerdungsprozess zu begleiten, dass die Musik, die Flöte nicht Euer primär lustbringendes Ausdrucksfeld ist oder war. Ja, es geht um Lust, um Begeisterung , um Freude daran und darin, nicht nur um Spaß. Ich bin allergisch auf die Ansage, dass es immer Spaß machen soll. Andauernde Lust braucht Disziplin. Krisen sind Entwicklungskatalysatoren. Große Begriffe, schnell hinteinander gereiht. Es ist naturgemäß viel komplexer. Manchmal auch kompliziert, wenn wir nicht zueinander gepasst haben. Dies kam auch hin und wieder vor. Ich weiß es aus eigener vielfältiger Schülererfahrung, dass nicht jede, jeder Lehrende zu einem passt. – Auch wenn Reibung mitunter mittelfristig wertvolle Wachstumseffekte generieren kann, die man selber meist erst retrospektiv einzuschätzen weiß. Wachstum passiert aber vor allem in einem Klima der Wärme, wie meine geliebte große Menschenmusikflötenlehrerin Manuela Wiesler oft sagte, wie auch einen anderen Satz, der mich immer wieder geleitet hat: „Das Wichtigste ist, dass ich überflüssig werde!“ Als Lehrer bin ich nur dazu da, dass Ihr Euch (selber) (zu)hören lernt. Freilich, da gibt es viele handwerkliche Fertigkeiten, stilistische Handlungsweisen, künstlerische Lesarten und Kompetenzen anderer Arten zu vermitteln, aber das Wesentlichste erscheint mir bis heute, dass Ihr vielleicht durch mich ein wenig zu Euch selber angestiftet worden seid, Euch selber kennenlernt. Einer meiner größten Unterrichtserfolge war der, dass ich eine Schülerin dazu inspirieren konnte, ein Jahr ins Ausland zu gehen.

Routine spielt beim Unterrichten eine Rolle, für mich aber nicht in dem Sinn, dass ich mein festgefahrenes vielerprobtes Programm abspule, sondern in dem Sinn, dass ich meiner Intuition immer mehr traue und Dinge zum Ausdruck bringe, probiere, ohne selbst genau zu wissen, warum dies im Moment Sinn macht. Es gibt ein tieferes oder höheres Leitsystem, dem ich folgen will, und das nicht immer gleich rationell orientiert und belegbar ist. Selbstredend ist es eine dringliche Verpflichtung als Lehrender, seine Kompetenzen, seine Skills so gut wie möglich auf der Höhe der Zeit zu halten. – Was nichts anderes heißt, den Lehrenden muss eine ewige Neugier in sein Metier und auf die Menschen, die einem anvertraut werden, inne sein.

Ich war mir immer bewusst, dass ein unbedachtes, vielleicht missverständliches Wort eine lebenslange (blockierende) Wirkung haben kann, die schwer zu überwinden ist. Was man aussendet, ist nicht immer ident mit dem, was verstanden, aufgefasst wird. Gerade im Feld der Musik sind wir täglich damit konfrontiert. Faszinierend war für mich oft, wenn Ihr die ersten Klangschritte auf der Flöte gemacht habt. Da erlebte ich mitunter eine hochintensive Ausdruckslawine, die noch nicht durch eine Kultivierung gezähmt worden ist. Mich interessieren diese „Randerscheinungen“ abseits des Üblichen, des „Schönen“ immer sehr. Die Ränder sind erfahrungsgemäß die wahren Zentren. Und die Eigenbrötler, Eigensinnigen nehmen oft das ortsübliche Tempo heraus und irritieren das Regelwerk. Wir brauchen sie wieder, die Regelbrecherinnen und -brecher, die konstruktiven Anarchistinnen und Anarchisten, die Menschen, die Fragen stellen, die sich nicht immer ganz sicher sind, die Lebendigen!

Ich war selten schlechter Laune, war mit Sicherheit gelegentlich ungerecht, zu schnell, zu überfordernd, unverständlich, lästig …… Ich habe immer große Unterrichtsräume gesucht, weil ich auch beim Unterrichten permanent unterwegs war. Ich bin um Euch gekreist. Ich liebe die Unruhe und ihre Kraft des Aufbruchs. Vielleicht hat sich die oder der eine oder andere von Euch nach mehr Ruhe gesehnt, nach Beschaulichkeit, klar nachzuvollziehender Didaktik und mehr offensichtlicher Ordnung. Ich verstehe dies, aber ich kann nicht und will auch nicht mehr aus meiner Haut, auch wenn ich glaube, dass das Recht des Menschen auf Veränderung ein Menschenrecht ist, um Peter Turrini in den Mund zu nehmen. Und Ihr habt hoffentlich alle mitgekriegt, dass ich gut über mich selber und meine Fehler lachen kann. Wenn Ihr z.B. meine Eintragung ins Aufgabenheft nicht entziffern konntet. Meine Lateinlehrerin hat schon anno dazumal gesagt: „Trawöger, Du hast die schönste Handschrift, die ich kenne, aber lesen kann ich sie nicht: Nicht genügend!“ So ist es mit der Schönheit, so ist es mit dem individuellen Ausdruck. Sie oder er ist oft nicht lesbar, aber erlebbar. Und da sind wir beim Dringlichsten, was mich am Menschsein bewegt, an der Kunst begeistert. Es ist das Geheimnisvolle, das Magische, das nicht Beschreibbare, jener Raum, an dem der Mensch einfach Mensch ist und sein kann, ohne irgendeine Art von Nützlichkeit ins Treffen führen zu müssen.

Für mich sind es die letzten Ferien, künftig werde ich Urlaub haben, da ich in ein neues Aufgabenfeld aufbreche. (Eins wird wie es üblich nicht sein und bleiben. Der Unruhe wegen.)  Ich danke Euch für alles, was ich von Euch, über Euch und letztlich dadurch über mich erfahren durfte. Ich betrachtete mein Lehrerdasein immer als Privileg, mehr noch als Geschenk, das mich mit Demut erfüllt.

Ich werde Euch vermissen, auch wenn ich von Neuem ergriffen sein werde.

Hört niemals auf zu spielen, denn das gehört sich wirklich nicht! (Manchmal muss man streng sein.)

Adieu!

Euer Norbert

zaubertoene
NT in den späten 1970er Jahren. Foto von Horst Eibl

 

 

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4 Kommentare

  1. Lieber Norbert, eine unglaubliche Sprachlawine, ein persönlich ehrliches Credo Deines Lehrerberufes! Und genau diese, Deine Parameter sollten Ausschreibungstext für jeden zu besetzenden Lehrer und Professorenposten sein….
    Genieße Deine letzten Ferien, Dein freies Denken, Dein Freisein!

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  2. Lieber Norbert!
    Ich finde es großartig, dass du diesen Brief auch an uns Lehrer verschickt hast. Sehr interessant und treffsicher formuliert. Besonders deine Ehrlichkeit bewundere ich sehr. Vom Inhalt kann auch ein sogenannter alter Hase, wie ich, viel lernen. Vielen Dank, du Meister der Worte.
    Für deine Zukunft wünsche ich dir alles Gute!
    Liebe Grüße
    Max M.

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