Unwissenheit schützt nicht vor Kultur. Eine Kunstrede zur Eröffnung der Perspektiven Attersee.

Vor einiger Zeit hat mir ein Konzertveranstalter erzählt, dass er nicht selten Ansagen in der Qualität wie „Lass mi in Ruah mit der Kultur“ zu hören bekommt. Auch wenn es im Dialekt als Reim funktioniert, vermag dieser Vers seine Unsinnhaftigkeit nicht zu verbergen. Dies wäre gerade so, als ob man für die Abschaffung der Luft plädiere. Wir brauchen sie, die Luft und die Kultur, wir haben sie, die Kultur und die Luft, ob wir wollen oder nicht und meist leben wir nicht ausschließlich in einer Monokultur. Und doch macht es einen Unterschied, ob wir uns der Kultur, der Kulturen bewusst sind oder nicht. Wir leben sie tagtäglich, ob als Esskultur, Hochkultur oder Subkultur. Wir, Österreicherinnen und Österreicher, frönen bekannterweise gern der Trinkkultur. Wir können eine Kultur des Diskurses oder des Umgangs pflegen, auch die Freikörperkultur ist eine und die Ansammlung von nicht mit freiem Auge sichtbaren Kleinzellern bildet eine Bakterienkultur und den Begriff der Willkommenskultur will ich jetzt gar nicht erst strapazieren.

wenn man nicht weiß, was man nicht weiß, kann man nicht danach fragen, heißt es auf einer Einsichtskarte der Dichterin Elfriede Gerstl. Selbst Unwissenheit schützt nicht vor Kultur. Aber was ist sie denn eigentlich genau? Streng physikalisch betrachtet bestehen wir Menschen nur aus Zwischenräumen, die mit viel Wasser gefüllt sind, und zwischen uns ist nichts als lebenserhaltende Luft. Unsere Festheit ist eine Illusion. Apropos Fest, apropos Mensch! Schön, dass Sie da sind! Ich freue mich hier und heute zum fünften Mal am Beginn der siebten Ausgabe zu Ihnen sprechen zu dürfen. Das Reden ist ja auch ein Versuch, den Zwischenraum zu überwinden. Die Sieben ist eine besondere Zahl. Sieben Tage hat die Woche, sieben Zwerge Schneewittchen und manchmal packen wir unsere sieben Sachen, um schnell in Siebenmeilenstiefeln aufzubrechen. Die Sieben hat was archaisch Vollkommenes an sich und mitunter was Verflixtes. Sie ist nicht selten ein Zeitpunkt für Transformation, der gelegentlich Verdruss mit sich bringt: Ein Gfrett, das mitunter unerwartet von außen auf uns hereinbricht und zum Wechsel der Perspektive nötigt, wie wir eben heute nicht wie gewohnt auf der Hauptstraße eröffnen, sondern hier in der Atterseehalle (Und welche Ortsnamen können sich schon dreier Doppelbuchstaben rühmen?).

Das Außen konfrontiert das Innere, wirkt aufs Innen, bewirkt, erzwingt Veränderung, erinnert uns im besten Fall ans bewusste Atemholen, zu sich zu kommen und nachzudenken. „Positiv denken heißt nicht denken!“ lautet einer meiner Lieblingssätze von Ilse Aichinger. Was meiner Ansicht nicht meint, dass man nicht positiv denken soll, sondern dass man sich denkend der ganzen unbeschönigten Welt stellt, sich nichts mit der rosaroten Brille zurechtdenkt, um letztlich doch wohlgestimmt zu guten neuen Möglichkeiten aufbrechen zu können. – Mit Bedacht, da steckt auch Denken drin. Wie in Zumutung der Mut umfangen ist, um nicht auf diese ungeheuer wichtige Tugend zu vergessen, alleine der Demut wegen, die nichts anderes wie Mut zum Dienen ist. Dienen am Menschsein, am Miteinandersein. Ein Festival auszurichten ist ein Dienst an der Gemeinschaft! Und da sind wir wieder bei der Kultur. Was macht denn unsere Kultur aus? Eine Grundeigenschaft der Kultur ist für mich Wandlungsfähigkeit, die Fähigkeit zur Veränderung. „Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“, hat der italienische Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa (Principe di Lampedusa) geschrieben. Und zu wissen, wie es so ist, ist immer anders und jetzt! – Darum sind wir alle als geborene Improvisatorinnen und Improvisatoren auf die Welt gekommen. Wenn wir uns bewegen, sollten wir uns immer wieder des Bodens gewahr werden, von dem wir kommen, auf dem wir gehen. Kultur hat viel mit dem Boden zu tun, auf dem wir leben. Und wenn unsere Festheit schon eine Illusion ist, dann ist die Kultur vielleicht jenes Territorium, jenes Zwischenland, das uns Halt gibt. In meinem Fall – und ich bin vermutlich nicht der einzige, der dies teilt – ist dieses Leerstellenland lange grundbevölkert durch Ingredienzien wie Weihrauch, Walzer, Gabel, Löffel und Messer, griechischer Wein von Udo Jürgens und Grüner Veltliner aus dem Burgenland, Bruckners Klangkathedralen und Schachtelsätze von Thomas Bernhard, Kirchen in jedem Ort, vierkantige Bauernhöfe, Most und flügelverleihende Energiegetränke, die ich genau so wenig mag wie Lieder aus dem Musikantenstadel, aber es hilft nichts. (Sie gehören zu uns, müssen aber nicht gehört werden.) Wir leben in einem Land zwischen Zauberflöte und Mozartkugeln, Seen und Granithügeln, Autobahnen mit sehr vielen Raststationen, Café und Kipferl. (Typisch österreichisch, nicht? Dabei wären zwei Jahreszahlen zu nennen, 1529 und 1683, die Entführung aus dem Serail und unsere geliebten Blasmusiken, die ihren Ursprung bei den Janitscharen haben.) Und Menschen, die aus anderen Kulturen zu uns kommen, die machen selbstredend auch unsere Kultur aus. Ich könnte jetzt noch stundenlang aufzählen, um noch mehr in die Gegenwart zu kommen. Aber was erzähle ich Ihnen denn, Attersee ist mindestens seit sieben Jahren mit den Perspektiven Attersee ein Brennpunkt für Gegenwartskultur, die sich an Leerstellen angesiedelt hat, ein Ort, der als Sprungbrett für viele junge Kunst- und Kulturschaffende diente, an dem Kooperationen gelebt werden und ein Festival, das mittlerweile weit über den See hinaus bekannt geworden ist. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich während des Jahres darauf angesprochen werde, weil ich damit in Verbindung gebracht werde und dies freut mich, obwohl ich außer ein paar Worten, die ich hier zum fünften Mal verliere, nicht wirklich was dafür kann.

Wie steht es um unsere Kultur? Wie steht es um die Toleranz, die letztlich eine Transittugend ist, wie ich behaupte? Toleranz verlangt von uns vorerst zu dulden, was uns widerstrebt. Und Duldung kann nur ein Zwischenzustand sein, hin zum wirklich Nahewerden oder eben auch zum Fernbleiben.
Na Serwas, das klingt alles sehr anstrengend, wirft Fragen auf, nur um uns für Momente sicher sein zu können.

Kultur wird sehr durch unsere Vergangenheit geprägt. Woher wir kommen. Sie ist aber auch das unbekannte, sich verändernde Land, in das wir gehen. Wir selbst prägen sie, prägen sie uns aus. Die Fragen, die die Kunst aufwirft, die alten, wie die alten neuen oder die neuen, sind dabei ein Sehnsuchtsraum unbestimmter Geografie, so sehr dieser doch oft verortet ist. Ist es dieser Ort, an dem wir immer wieder neu Bewusstsein erlangen? An dem wir uns delektieren und an dem wir irritiert werden können? Für mich schon und immer wieder doch ganz anders.

Ich wünsche uns und mir persönlich eine Kultur als offenes Feld, auf dem Winde aus allen Richtungen und Ursprüngen wehen, die uns aus dem Konzept bringen, uns lebendig halten. Ein Feld, auf dem eine Frage der nächsten folgt, Antworten als Möglichkeiten erschlossen werden können. Ein Möglichkeitsraum, der vor allem ein Raum möglicher Unmöglichkeiten ist. Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Herkunft uns in vielem determiniert, uns auch Grund, Halt gibt und Wertmuster etabliert hat, derer wir uns durchaus nicht immer bewusst sind. Die Habsburger Monarchie liegt bald hundert Jahre hinter uns Österreicherinnen und Österreichern. Und doch ist das hierarchische Denken, der Gehorsam in unserem Land fast unangetastet geblieben, fragen Sie nur einen Hofrat oder Professor. Das Gedächtnis an diese Kultur scheint ein ausdauerndes, wie eine Art Ur-DNA sitzt sie uns in den Knochen. Wie Bruckners Orgelspiel in den Wänden der Basilika von St. Florian eingebrannt ist: Das einst Hörbare ist völlig lautlos da. Kultur ist mitunter lautlos hörbar da.

Ich vermisse heute oft ein Eigenbewusstsein, dass Spielräume für das Ungreifbare, Fragwürdige, Wunderbare, Schräge, Unterhaltsame, Einschläfernde wie Aufrüttelnde gebraucht werden. Eine Kultur der Erstarrung macht uns eng. Mich interessiert das Unberechenbare, das nicht Vorauszuahnende, das mich staunend und mitunter ohnmächtig macht. – Und dass wir uns gerade in dem verbunden fühlen und erkennen. Kultur ist auch ein Feld der Empathie, wenn wir es wirklich betreten. Betreten heißt, uns damit auseinandersetzen, sich dazu zu setzen, sich einlassen und befragen lassen, ein Bewusstwerden im Offenen. Plätze respektvollen und ungehemmten Diskurses sind in unseren Breiten eher rare Oasen. Ich sehne mich nach einer Kultur der Neugier. Unsere Festheit mag eine Illusion sein und doch brauchen wir eine Verbindlichkeit, die uns an uns selber und aneinander hängt, im Staunen oder in der Ohnmacht, im In- oder Ausland.

Kultur ist ein Möglichkeits- und Bewusstseinsraum, ein Zwischenraum, der uns für Momente Festheit verleiht, nie zu lang, hoffe ich. Und doch braucht es gelegentlich festen Grund, klare Ausgangspunkte, zum Aufbrechen. Zum Mäandern ins Offene.

Ich wünsche uns, mir, immer wieder anders und neu dazwischen sein zu können. Warum Kunst, warum Kultur, ganz einfach, weil der Status quo auf Herausforderung steht und wir uns so des Fragens selbstbemächtigen. Wer Fragen stellt, ist sich am ehesten auf der Spur.

Und so will ich Sie zu guter Letzt alle aufs Heftigste beschwören, bewahren Sie sich diesen Perspektivenplatz, unterstützen Sie die Menschen, die am Sprung sind, dieses wundervoll entwickelte Festival weiterzuführen, lebendig zu halten. Es ist für uns alle. Es geht um nichts weniger als um die Erhaltung eines Spielraums fürs Menschsein, nicht nur für die Künstlerinnen und Künstler alleine. Nein, für uns alle, die sich einlassen und sogar auch für jene, die nichts davon halten, ob sie es glauben oder nicht.

Und als letzten Satz meiner Kunstrede darf ich mich an die schon zitierte Einsicht von Elfriede Gerstl anlehnen und ausrufen:
Wenn man weiß, was man weiß, kann man weiter danach fragen.

Norbert Trawöger, am 22. Juli 2017

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Vernissage der Perspektiven Attersee. Fotos von Barbara Mair

 

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2 Comments

  1. Gut gebrüllt lieber Kulturlöwe von OÖ! Mir stellt sich halt noch die Frage, der materiellen Lebensgrundlagen in der heutigen Zeit, die meines Erachtens die Kulturerlebbarkeit der Menschen in immer engere Räume treibt und somit ein alternatives Kulturerlebnis kaum mehr möglich ist. Läuft denn nicht auch die Hochkultur zum Einheitsbrei zu verblassen, hat nur die freie Szene die Kraft für Provokation und ist sie diesen Anforderungen gewachsen? Liegt es nicht in der Natur der „gesetelten“ Einrichtungen, zu Erhalten und ist es nicht oft auch der Wunsch der Menschen selbst, Kultur als wohlfühl und Bespaßungselement zu erleben. Und hat daher der moralische Apell von dir überhaupt eine Chance? Den ich, gleich ergänzend, keines Falles missen möchte! Aber es ist ein ständiger Prozess, der oft mühselig und zugleich notwendig ist …Also, das Brüllen geht weiter!

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    1. Lieber Manfred, da hast Du schon recht. Da sprichst Du vieles an, woran wir dran bleiben müssen und worüber auch differenziert weiter zu diskutieren ist. Das gehört wohl auch zur Kultur. (Vielleicht auch Entdecken der Selbstermächtigung im Gestalten und zu Wort melden….. ) Wir reden weiter, ich freu mich darauf! Herzlich Norbert

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