Vom Möglichen des Unmöglichen

Norbert Trawöger macht sich Gedanken über Kultur, Utopien und ein Orchester als Gesellschaftsmodell.

Vor einiger Zeit hat mir ein Konzertveranstalter erzählt, dass er nicht selten Ansagen in der Qualität wie „Lass mi in Ruah mit der Kultur“ zu hören bekommt. Auch wenn es im Dialekt als Reim funktioniert, vermag dieser Vers seine Unsinnhaftigkeit nicht zu verbergen. Dies wäre gerade so, als ob man für die Abschaffung der Luft plädiert. Wir brauchen sie, wir haben sie, die Kultur und die Luft, ob wir wollen oder nicht. Und doch macht es einen Unterschied, ob wir uns der Kultur, der Kulturen bewusst sind oder nicht. Wir leben sie tagtäglich, ob als Esskultur, Hochkultur oder Subkultur, oder frönen ihr in einer mitunter maßlosen Trinkkultur.

wenn man nicht weiß, was man nicht weiß, kann man nicht danach fragen, heißt es auf einer Einsichtskarte der Dichterin Elfriede Gerstl. Selbst Unwissenheit schützt nicht vor Kultur. Kultur hat viel mit dem Boden zu tun, auf dem wir leben. In unserem Fall ist unser Kulturland lange grundbevölkert durch Ingredienzien wie Weihrauch, Walzer, Gabel, Löffel und Messer, griechischer Wein von Udo Jürgens und Grüner Veltliner aus dem Burgenland, Bruckners Klangkathedralen und Schachtelsätze von Thomas Bernhard, Kirchen in jedem Ort, vierkantige Bauernhöfe, Most und flügelverleihende Energiegetränke, die ich genau so wenig mag wie Lieder aus dem Musikantenstadl, aber es hilft nichts. – Sie gehören zu uns, müssen aber nicht gehört werden! Wir leben in einem Land zwischen Zauberflöte und Mozartkugeln, Seen und Granithügeln, Autobahnen mit sehr vielen Raststationen, Café und Kipferl. Ich denke dabei auch heftig an die klangstiftenden Wurzeln unserer Blaskapellen in der Janitscharenmusik. Und Menschen, die aus anderen Kulturen zu uns kommen, machen selbstredend unsere Kultur aus. Faszinierend in diesem Zusammenhang ist es, ein Orchester als funktionierendes Gesellschaftsmodell zu betrachten. Im Bruckner Orchester Linz spielen tagtäglich Menschen aus mehr als 20 Nationen zusammen. Der Reisepass und die Muttersprache spielen dabei überhaupt keine Rolle. Es geht einzig um das gemeinsame Ereignis, um das Ereignen einer Oper, einer Symphonie. Und dabei ist das BOL ein Kulturträger und – botschafter unseres Landes mit unverwechselbarem Klangdialekt.

Die Kultur ist ein Möglichkeitsraum, der ein Raum möglicher Unmöglichkeiten ist. Ich bin mir durchaus bewusst, dass uns die Herkunft in vielem determiniert, uns Grund, Halt gibt und Wertmuster etabliert hat, derer wir uns nicht immer bewusst sind. Die Habsburger Monarchie liegt 100 Jahre hinter uns. Und doch ist das hierarchische Denken, der Hang zum Gehorsam in unserem Land weitgehend unangetastet geblieben. Das Gedächtnis an diese Kultur scheint ein ausdauerndes, wie eine Art Ur-DNA sitzt sie uns in den Knochen. Wie Bruckners Orgelspiel in den Wänden der Basilika von St. Florian eingebrannt ist: Das einst Hörbare ist völlig lautlos da. Kultur ist mitunter lautlos hörbar da. Sie gibt uns bei aller Wandelbarkeit festen Grund, klare Ausgangspunkte zum Aufbrechen ins Offene. Utopien sind im Übrigen, Unmöglichkeiten, den man Entwicklungspotential einräumt.

Erschienen im Kulturbericht 03.2018

Foto von Volker Weihbold.

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