In den Gehörgangen des Menschseins.

Ein Nachbericht eines Ohrenspitzers über Konzerte, die nie vorbei sein werden.

Das 10. Stimmen Festival Freistadt hat heuer seine „Gehörgänge“ unter das Thema „Mensch“ gestellt. Als ob wir anders können, als Mensch zu sein.
Ich fange von hinten an. Der dritte Gehörgang im großen Saal des Freistädter Salzhofes zeigte den Film „Homo Sapiens“. Dabei sein angemerkt, dass unsere Gattungsbezeichnung so etwas wie „verstehender, verständiger“ bzw. „weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch“ heißt. Eine gute Sache, sich gelegentlich daran zu erinnern. Nikolaus Geyrhalters Filmessay führt an von Menschen verlassene Orte und seine Geräusche. „Ich bin am meisten da, wenn ich weg bin.“, kommt mir Karl Barth in den Sinn. Der Mensch wird überdeutlich spürbar in seiner Abwesenheit. In diesem Spüren stecken Spuren, die uns Geyrhalter einfach vorführt und den Menschen damit vorführt, ohne ihn vorzuführen. Kommentarlos, in einer monumentalen Heftigkeit. Der Film versteht sich als „Ode des Mensch-Seins“. Er ist in seinem Abgrund der stimmlose Aufruf dazu, dass wir die Gestalter sind, jede, jeder Einzelne von uns. Und dazu erhob die Company of Music unter Johannes Hiemetsberger mit Musiken von Arvo Pärt, David Lang, Kaija Saariaho und anderen ihre Stimmen. Nie illustrativ, genauso dringlich unmissionarisch wie der Film. In der Vermischung mit dem Filmton eröffnete sich ein Raum von Cage-schen Ausmaßen, sprich der Wirklichkeit. Wir konnten diese betreten, selber darin lesen, fühlen, denken, ein- und ausatmen. Was für eine Erfahrung, die mich noch lange im Fühlen und Denken beunruhigen wird. Die Bilder sind verloschen, die Klänge verklungen, aber sie bleiben unauslöschlich.

Der zweite Gehörgang führte an den elektrisierend aufgeladenen Ort von Kreisel Electric. Drei Mühlviertler Brüder begannen 2012 mit Wiederaufladbaren zu experimentieren, gründeten 2014 eine Firma, die vier Jahre später Weltwirksamkeit hat. Sie folgen ihrem Stern (selbst der Grundriss der Firma folgt diesem bedingungslos leidenschaftlich), hören ihr Herz schlagen. Genau dort improvisierte der Chorus sine nomine nach dem Herzschlag des wandlungsfähig einfühlsamen Tontechnikkreateurs Lukas Froschauer, der gemeinsam mit Johanna Norz ein wandelndes Herzstück konzipiert hat, von dem das Publikum durchdrungen wird und in dem die Zuhörenden unmittelbar stehen – zum äußeren Bewegen waren sie wenig zu bewegen. Das Herz landet innig auf heimischem Böhmerwald Klangboden und nach meinem Gespräch mit Markus Kreisel folgte noch „Leonardo dreams of his flying machine“ von Eric Whitacre.

Und nun zum Ausgangspunkt der Gehörgänge. Im Vergeinersaal des Salzhofes – benannt nach einem Freistädter Schüler Anton Bruckners – saßen sich der Chorus sine nomine und sein Publikum auf Tuchfühlung gegenüber. Man hörte sich gegenseitig atmen in der engen, abgedunkelten Intimität des knappen Raumes. Die Temperatur verhielt sich angemessen wohlig. Das Thema des Gedenkens sollte man immer in dieser emotionalen, physischen Art anstoßen. Durchs Fühlen ins Denken, das wirkliches Ge-denken schlichtweg fordert. Vorweg Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“, die einem den Marsch bläst und vielleicht darauf aufmerksam macht, dass man nicht alles haben kann. Dann Herwig Reiters sechsteilige „Feuerharfe“ nach Post-Holocaust-Gedichten jüdischer Autorinnen und Autoren, auffahrend sinnlich, ein brennender Erfahrungsraum, der von Samuel Barbers „Agnus Dei“ erlöst wird, oder? Wann erbarmen wir uns unser?

Diese drei „Gehörgänge“ waren in Qualität, thematischer Ausrichtung, Raum, Setting, Konzept und Dramaturgie künstlerische Ereignisräume in Augen-, Ohren-, und Sinneshöhe und auf der Dringlichkeitsstufe gegenwärtigen Daseins! – Dies schreibe ich hier trotz Befangenheit, in herrlicher Betroffenheit. Mensch!

 

Norbert Trawöger fungierte beim Stimmen Festival Freistadt das zweite Mal als „Ohrenspitzer“ und ist nach diesen drei Gehörgängen noch sicherer, dass Konzerträume existenzielle Lebensräume sind.

 

 

 

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