Aus meinem Unruh-Raum.

Ich liebe die Unruh. Nein, da fehlt kein „e“ am Ende. Ich habe sie in mir,  wie ein Uhrwerk. Die Unruh ist jenes Schwingsystem, das den Gang in Uhren regelt. Ihr Vorläufer war die Unrast. Dieses unablässige Unruh-igsein in Kopf und Körper ist mir wesensimanent. Von außen wird es mitunter als Sprunghaftigkeit wahrgenommen. „Ein hyperaktiver, wacher, anregender Musiker, mit stets wirrem Haarschopf“, hat Adrian Marthaler über mich gemeint. So sind meine Schlüssel alle verbogen. Ich bin meist schneller aus der Tür, als der Schlüssel wieder aus dem Loch findet. Dafür dauert es umso länger, die Schlüssel wieder in die Schlösser zu kriegen. Aber um Zeitersparnis geht es gar nicht, es geht um die Bewegung selbst, die aus einem ruhigen Zentrum unruhig schwingt. Warum schreibe ich das, weil ich einmal mehr sehr intensiv erfahren habe, wie ich in meinem Zentrum zur bewegten Ruhe komme. Diese finde ich sehr oft und bevorzugt im Konzert. Mehr als 1000 habe ich in meinem Leben sicher gehört. Im Konzert bin ich bei mir und manchmal außer mir, vor Freude oder auch vor Entsetzen. Und die Ruhe, die mich dabei ereilt, lässt mich erst recht dann im Takt in stille Bewegung fallen. Anlass, über dies nachzudenken, ist ein verlängertes Wochenende in München. Mir fällt nicht schnell eine Stadt auf diesem Erdball ein, wo die Dichte an Spitzenorchestern so hoch ist.

Die Münchner Philharmoniker feiern eben ihr 125jähriges Bestandsjubiläum. Also auf in die „Chefsache“ in den Gasteig, eine offene Probe mit dem Chefdirigenten Valery Gergiev, zu Mahlers „Achter“, die eben in der bayerischen Metropole 1910 unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt wurde. Grußlos tritt der russische Pulttitan den Hundertscharen seines Orchesters, des Chores und der Solistinnen- und Solistenriege gegenüber und lässt den „Veni creator spiritus“-Chor vom Stapel, von dem er wohl auch jedes beliebig andere musikalische Großwerk nehmen hätte können, und zieht die Sinfonie mit manchem wirschen Zwischenbrüller durch, dass es nur so staubt. Freilich staubt es auf hohem Niveau und es ist eine Probe (vor der Generalprobe). Es ist schon faszinierend, wie Gergiev die sichtlich angespannte Truppe mit seinen nervös zuckenden Fingern elektrifiziert. Nur Strom allein ist nicht Gleichstrom und man fragt sich, für was, für welches Stück, die Energie eigentlich eingesetzt wird. Die Beschwörung „Komm, Schöpfer Geist“ bekommt hier noch einmal eine ganz eigenartige Dimension. Was hat sich Herr Mahler beim Schöpfen dieses Sinfonienmassivs eigentlich gedacht? Wen schert’s, Maestro Gergiev sicher nicht. Und ich bin außer mir in der ganz anderen Art.

Tags drauf geht es in den Herkulessaal, wo das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks inmitten von Schuberts „Dritter“ und „Sechster“ Anton von Weberns „Langsamer Satz“ und sein Opus 5 Platz nehmen. Die Irritation war eher vorweg, dass der BR offensichtlich keinerlei Berührungsängste mit Daniele Gatti hat, der eben in Amsterdam seinen Chefdirigentenposten wegen keinerlei Ängsten dieser Art über Nacht abgeben musste. Gatti zaubert mit dem wohl feinstofflichsten Orchester dieser Welt eine selten so grundlegend singende und die Musik in ihrer Genialität derart freigelegten Wiedergabe. Er nimmt das „moderato“ im finalen Allegro der „Sechsten“ endlich ernst und jagt es nicht in die Zirkuswelt eines billigen rossininesken Imitats. Noch Stunden danach war ich von tiefgründiger Heiterkeit erfüllt. Was für ein Musikmachen, was für ein unglaublich feines Orchesterwerk! Der Schöpfergeist war Gegenwart.

Noch war nicht aller Tage Abend, wenn am bayerischen Wahlsonntagmorgen das Bayerische Staatsorchester in der Staatsoper eines seiner Akademiekonzerte abhält. Noch dazu Kirill Petrenko, sein Chef, am Pult steht und Patricia Kopatchinskaja als Geigensolistin zugegen ist. Ja, das ist alles in allem eine Art des Zugegenseins, die sogar das hochkomplexe Violinkonzert von Arnold Schönberg auf die Erde holt, um zu uns in hochdringlicher Art und Weise zu sprechen, mehr, um mit uns den Zuhörenden ins Gespräch zu kommen. Ungeheuerlich diese Musik: schön, tänzerisch, verzweifelnd, sich der Welt stellend. Aber es braucht eben meisterliche Transformatoren wie Kopatchinskaja, Petrenko und das formidable Staatsorchester, die diese Musik ernst nehmen. Es gibt nichts zu verstehen, aber zu hören. Dazu braucht es offene Ohren, um dann doch einiges zu verstehen vom Ungreifbaren. Und dann landet es beim Publikum, wie etwa das Mendelssohn-Konzert. Zu guter Letzt entflammte Petrenko noch eine zweite Sinfonie von Johannes Brahms, durchdrungen modelliert in jeder Faser, wie man es selten zu Hören bekommt. Ich war ganz (un)ruhig. Veni Creator Spiritus.

 

Am Foto von Andrea Trawöger Patricia Kopatchinskaja, Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester.

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