KopatchinskaJA!

Es gibt Musikerinnen und Musiker, die machen Musik, andere, die musizieren und gar nicht so viele, die Musik leben. Ja, zur letzten Gattung zähle ich Patricia Kopatchinskaja. Heuer hatte ich das Glück, sie vier Mal zu erleben, mit ihr in die Musik aufzubrechen. Im Frühjahr ein eigenständig beredtes Tschaikowsky-Violinkonzert mit dem Orchestra della Svizzera Italiana unter Markus Poschner im Saal des Mailänder Konservatoriums, das ob seiner Befreitheit von pseudopathetischen Sedimenten aufatmen liess. Für die Zugabe wurde ein Wandklavier auf die Bühne geschoben. Kopatchinskaja zog die Samthandschuhe an und wischte sanft die „Hommage a Tschaikovsky“ von György Kurtag von der Klaviatur. Im Oktober gab es dann das Violinkonzert von Arnold Schönberg in der Bayerischen Staatsoper mit dem Bayerischen Staatsorchester unter Kirill Petrenko zu erfahren: Damit ging zwar nicht Schönbergs Zukunftswunsch, „dass man meine Melodien auf der Straße pfeift.“ in Erfüllung, aber Kopatchinskaja bringt das komplex-geniale Kunstwerk endlich ins Leben, es greift einen an, kratzt, kitzelt, berührt und summt einen ins Ohr. Das für unbegreiflich gehaltene wird intensiv begreifbar. Es geht einen an, ob man will oder nicht. Obgleich das Publikum im Resonanzaufkommen einhellig willensbereit war. Wochen später sind wir in Wien und zufällig spielen Patricia Kopatchinskaja und Il giardino armonico ihr Vivaldi-Projekt im Konzerthaus. Wer glaubt, dass ich meine Reisepläne mit dem Konzertplan Kopatchinskajas abstimme, irrt, es ist pure Zufälligkeit, besser gesagt Synchronizität. Gutes Stichwort für dieses Projekt. Hochbarocke Violinkonzerte des „Prete Rosso“ treffen auf Musiken unserer Zeit, die italienische Komponisten geschöpft haben. So fliegt „Spiccato il Volo“ von Luca Francesconi aus dem g-moll Konzert RV 157, mit ihr hebt Patricia Kopatchinskaja, die eben noch am zweiten Pult im Orchester mitgespielt, solistisch ab. Die Schöpfungszeit der Musiken wird obsolet. Musik passiert immer im Jetzt, egal wann sie geschrieben wurde. Man mag sie nur am Zeitvokabular einzuordnen, aber genau dies wird unwichtig. Der Flug stürzt hinein in das C-Dur Konzert des Venezianers. Simone Movios „Incanto XIX“ irrlichtert nach, oder doch vor im Moment. Im Soloviolinstück „L’âme ouverte“ von Giacinto Scelsi umkreist Kopatchinskaja mikroskopisch einen Klang. Im Keim steckt alles, auch der Sturm von „La tempesta di mare“. Aureliano Cattaneos „Estroso“ eröffnet den zweiten Teil. Vivaldi folgt. Giovanni Solima läutet das Eintreffen des großen Mogul ein. Aber hier gilt es nicht Protokoll zu führen, sondern von einem zeitlosen Ereignis in der Zeit zu berichten. Kopatchinskaja findet in der legendären Barockband „Il giardino armonico“, die Giovanni Antonini auch mit der Blockflöte anführt, Komplizen im zeitlosen Musiksein. Was für ein Glück, genau dieses Programm eine Woche später noch einmal in Wels hören zu können. Zugegeben, jetzt war ich nicht mehr ganz so zufällig in meiner eigenen Geburtsstadt. Der dort neuformierte Kulturverein D9 setzt die gute Welser RT6 Tradition fort, hochkarätige KlangverursacherInnen in die Stadt zu holen. Es war anders, intensiv. So ist das Leben, wenn es um nichts anderes als das Leben in diesen klingenden Arten geht. Wir finden uns alle im Spielen und Lauschen in nichts weniger als im Menschsein. Welch radikaler Erfahrungsraum, in unseren menschvergessenen Tagen. JA!

November 2018

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