Balduin!

„In die Gruabn will ich schon noch selber springen, dann ist eh a Ruah!“, hat mir Balduin Sulzer vor Jahren einmal gesagt. Diese Ansage war in ihrer bildlichen Drastik typisch für ihn. Man lacht im ersten Moment und kann, wenn man will, weiter darüber nachdenken, was dahinter steckt – vielleicht eine bedingungslose Haltung, die Gestaltungshoheit des eigenen Seins bis zum letzten Augenblick wahrnehmen zu wollen.

In einem wunderbaren letzten – wie wir jetzt wissen – Interview hat er Andreas Fürlinger gesagt: „Jetzt bin ich ein alter Mann, der das meiste hinter sich hat und eigentlich mehr oder minder auf den Übergang ins nächste Leben wartet. Da lege ich einen Wert darauf, dass ich sagen kann ,das nächste Leben‘. Denn ich habe meine Existenz bekommen und diese in einer Art ausgenützt, wie es mir angeboten worden ist.“

Zum 85er habe ich Balduin 85 Fragen gestellt. Auf die Frage „Was ist die vorletzte Sache, die du tun möchtest?“ hat er mir geantwortet: „Atemholen für die letzte.“ Und was kommt dann? „Ich muss ehrlich sagen, ich glaube, dass es noch weitergeht. Ich habe zwar angefangen, aber aufhören tue ich nie. Das gehört zu meinem Glaubensbereich dazu: „et vitam venturi saeculi“ (das Leben der kommenden Welt) heißt es am Schluss des Credo.“

Ich hatte fix damit gerechnet, dass er uns alle überlebt, werde damit recht behalten und noch lange damit rechnen, ihn beim nächsten Konzert, wo auch immer, zu treffen. An seinem Sterbtag vor zwei Tagen hat meine fünfjährige Tochter, die Balduin getauft hat, herzzerreißend geweint – und ich mit ihr – und hat geschluchzt: „Ich will nicht, dass der Balduin gestorben ist.“ Ich auch nicht!

Balduin hat mich wie nur ganz wenige Menschen geprägt, in meiner eigenen Vielfältigkeit beruhigt, mir Dinge oft mit nur einem Lächeln klargestellt, mich befeuert und sehr oft über einen Lachanfall zum richtigen Denken gebracht. So ein Glück muss man erst einmal haben, so einem Menschen überhaupt begegnet sein zu dürfen. Zum Bettgehen lese ich meiner Tochter jetzt jeden Tag aus dem Buch vor, dass ich vor zehn Jahren über ihn schreiben durfte. Sie sagt, dass die Geschichten vom Balduin „so spannend“ sind.

Jetzt ist er gesprungen, hat Atem geholt fürs Weitergehen.

Ich bin traurig und dankbar!

NT 12. April 2019

Foto: Reinhard Winkler 2010

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